Jede Grossgemeinde (Amphoe) besteht aus einer Anzahl von Subbezirken (Tambon), diese wiederum verwalten eine Anzahl von Gemeinden (Moo Ban). Unser Subbezirk Nong Kung Si, aus 9 Gemeinden bestehend, feiert jedes Jahr einen Schulsporttag, eines der wichtigsten Anlässe im Schulkalender. Jedes Jahr ist eine der Gemeinden Gastgeber und lädt die anderen 8 ein.

Letztes Jahr war unsere Gemeinde der Austragungsort der Paraden und Sportwettkämpfe. Monatelang wurde darauf trainiert und vorbereitet. Jede Gemeinde möchte natürlich Gewinnerin der Sportdisziplinen sein, aber vor allem auch die eindrücklichste Parade und Party veranstalten. Unsere Gemeinde hatte einen grossen Trumpf: die Saxofon-Klasse!

Ich selber bin zugegebenermassen eher unsportlich. Aber immerhin, ich sprinte täglich auf meinem Laufband, habe mir ein bescheidenes Work-Out-Programm mit Hanteln erarbeitet und lasse mit meinem Fahrrad immer wieder eine Staubwolke in der Landschaft liegen. Aber darum geht es gar nicht.

Am nordöstlichen Dorfeingang in unser Moo Ban, was wir liebevoll „The Bag“ nennen, steht auf der Anhöhe thronend die Dorfschule. Ich war von Anfang an fasziniert von diesen riesigen Schularealen mit den einfachen Schulgebäuden. Bei jeder Vorbeifahrt bot sich ein anderes Bild: die Kids in blau-weissen Schuluniformen oder in roten T-Shirts oder im Pfadfinder-Look, die LehrerInnen in hochdekorierten Generals-Uniformen oder schicken Anzügen. Und immer etwas los auf den staubigen Plätzen.

In der grössten Hitze spielen sie Fussball oder Badminton, und jeden Tag die Paraden mit Trommeln und Pauken, die Kids in Reih und Glied marschierend, alle halten einen langen roten Stiel. Aus der Ferne gesehen könnte es ein Besenstiel sein – zu kehren gäbe es ja genug- oder eine Gartenhacke?….meine doch eher pazifistischen Gedanken lassen keine anderen Schlussfolgerungen zu.

DSC_0654Ich bin mit einem grossen Rucksack voll musikalisch-pädagogischen Wissens ins Dorf eingezogen und hatte alsbald die Idee, etwas davon der Dorfschule zur Verfügung zu stellen. Mein kultureller Beitrag an meinen Wohnort, sozusagen. Ich wurde der Lehrerschaft vorgestellt. Mit Begeisterung wurde meine Idee, eine Saxofon-Klasse gründen zu wollen, aufgenommen. Ich hatte als Geschenk fünf Kunststoff-Saxofone mit dabei, zwei von meinem Freund, der diese in Bangkok in seiner Fabrik herstellt, und drei von meiner Firma, welche diese in Europa vertreibt. Und sie klingen gut, diese Hörner, sie sind zudem sehr leicht und Monsun-resistent, abwaschbar.

Nun ging alles Schlag auf Schlag. Ich hatte zwar um eine Besprechung zur Vorbereitung des Projekts gebeten, aber ich wurde sogleich mit einem grossen Fest überrollt. Erstaunlich wie schnell ein solches Übergabe-Zeremoniell organisiert ist, mit allem Drum und Dran! Selbst eine laute Isaan-Band fehlte nicht. Ich durfte dem Schulpräsidenten die Saxofone übergeben, Fotos, Zertifikate, Ansprachen, Händeschütteln, Essen und Getränke – die Lehrerinnen und Lehrer strahlten, die Kids lächelten. Als die Isaan-Band losdonnerte, war auch ich auf der Bühne, denn als Musiker musste ich alle Thai- und Isaan-Songs kennen, ist doch klar! Erfolgreich improvisierte ich mich durch die Show, es war eine fröhliche Party.

Meine Ansage vor dem Fest war immer klar: 5 Saxofone, 5 SchülerInnen! Am Fest wurde mir nun feierlich und offiziell erklärt, ich hätte nun 5 Mädchen und 5 Jungs, die sich die 5 Saxofone zu teilen hätten. Vom Auswahlverfahren der Kids wurde ich ausgeschlossen.

In der darauf folgenden Woche gaben sich diverse Schulleiter, ich zählte etwa 20, unsere Eingangs-Schiebetür in die Hand. Alle wollten eine solche Saxofon-Klasse, hinter unserem Haus stand offenbar ein imaginärer Schuppen angefüllt mit Saxofonen……..ich kämpfte um meine Ruhe und Zurückgezogenheit.

Der Unterricht begann, zwischen den Mädchen und den Jungs wurden die Mundstücke gewaschen. Die Mädchen waren motiviert und interessiert, die Jungs hatten Flausen im Kopf und kamen von den wichtigen Familien im Dorf, beinahe wie damals….mit jeder Gruppe probte ich zwei Stunden die Woche, zuerst einzelne Töne, dann einfache Lieder.

Die Kids durften die Instrumente nicht nach Hause nehmen, geübt wurde jeden Tag in der Schule unter dem Zepter der Musiklehrerin, stundenlang. Sie selber spielte weder Saxofon noch kannte sie die Noten, dafür aber den Wiederholungs-Drill. Monatelang tobte der Kampf der Kulturen durch das Klassenzimmer, die mitunter sture thailändische Hartnäckigkeit obsiegte zugunsten meines Sanook, denn ich wollte ja an sich Spass haben, und nicht europäische pädagogische Prinzipien verteidigen müssen.

Letztendlich musste auch ich einsehen, dass es nur um das eine, kollektive ging: Unsere Gemeinde hatte einen grossen Trumpf: die Saxofon-Klasse! …und dieser Trumpf hatte es in sich! Ich musste die Erfahrung machen und akzeptieren, dass der Aufbau „meiner“ Saxofon-Klasse nur dem einen Ziel diente, nämlich an dieser Sporttags–Parade drei Songs des Königs von Thailand spielen zu können und damit alle anderen School-Marching-Bands auszustechen. Mein bescheidenes Ziel – den Kids eine solide Grundausbildung auf dem Instrument zukommen zu lassen, damit sie vielleicht einmal die Chance haben könnten, an eine Musikhochschule studieren zu gehen – war von vornherein weder ein Thema noch so geplant. Ich merkte das erst in den Wochen kurz vor dem Sporttag.

Nun ist es ja so, dass eine thailändische Schulband normalerweise aus Schlagwerk (Trommeln und Pauken), Lyra (eine Art tragbares Xylophon) und – man staune – Melodica (die von Hohner, Deutschland) mit Blasrüsseln dran besteht. Lyra und Melodica sind in C gestimmte Melodie-Instrumente, die Alt-Saxofone aber in Es, die beiden Instrumentengruppen können also nicht dieselben Noten spielen. Ich hätte nun die Lieder des Königs für die Saxofone in andere, grifftechnisch kompliziertere Tonarten umschreiben können……aber wir waren einfach noch nicht so weit, in diesen Tonarten zu spielen!

An der Schule brach beinahe eine Panik aus, der Druck war gross, die drei Lieder mussten in die Parade! Also bot ich einen Kompromiss an: keine Lyras und Melodicas, nur Saxofone und Schlagwerk—das wurde sofort akzeptiert! Also schrieb ich die drei Lieder in eine für die Kids gut spielbare Tonlage um und wir übten. Die Kids schafften es, alle drei Songs auswendig zu lernen, über die Qualität der Intonation (Feinstimmung mit den Lippen) äussere ich mich jetzt nicht, Hauptsache unsere Schule hatte ihren Trumpf!

Alle Teilnehmer der 9 Dörfer versammelten sich inmitten unseres Dorfes am kleinen Marktplatz in den kühleren Morgenstunden. Die Kids jeder Schule bildeten einen Umzug mit Majoretten (Tänzerinnen), Fahnen– und Tafelträgern, der Schulband und allen Sportlerinnen und Sportlern. Und dann ging‘s los, der Hauptstrasse Richtung Non Sa-at entlang bis ausserhalb des Dorfes …..auf den grossen Sportplatz. Und immer wurde gespielt und geblasen und marschiert …..und die Temperaturen stiegen unerbittlich und rasant.

IMG_0307Und mitten drin unsere Schulband mit Trommeln und Pauken und Saxofonen UND LYRAS UND MELODICAS!! ..jeder spielte in seiner Stimmlage, Saxofone und Lyra/Melodica ziemlich schräg nebeneinander….und niemand störte sich dran (ausser mir, mir standen die Haare zu Berge), Hauptsache es trötete und rumpelte und fetzte.

MOBINYANGDOC…oder auf Deutsch „was soll‘s“, die Stimmung war grossartig (ausser eben…), die Sonne brannte und die Strasse und der Festplatz war von Zuschauern gesäumt, die Lehrerschaften und die Offiziellen hatten strahlende Gesichter, die Lehrer unserer Schule—voran die Musiklehrerin—konnten ihren Stolz nicht ganz verbergen.

Die Zuschauer hatten ihren Spass, es wurde gelacht und getratscht…“da ist mein Sohn…da meine Tochter“…..und die bei den Thais nicht weg zu denkende Frage nach dem Essen wurde mit einem Blick in die unzähligen Suppentöpfe und Grillroste beantwortet.

Als dann die Parade nach x-Runden um den Sportplatz herum zum Stillstand kam, war die Zeit für die Frauen-Tanz-Gruppe unseres Dorfes gekommen. Wochenlang haben alle Bauernfrauen jeden Abend unter der Regie – wiederum der Musiklehrerin – die traditionellen Tänze einstudiert. Am Schulsporttag hiess es morgens um vier in die Kostüme und Maske, eine der aufwändigsten Arbeiten dabei sind die kunstvollen Haargebilde und das Schminken nach alter Tradition.

IMG_0617Nach langem Warten gehörte dann der Sportplatz ihnen.

Nach diesen fast nicht enden wollenden Eröffnungsfeierlichkeiten und Ansprachen – es war schon weit über den Mittag hinaus und die Sonne stand brütend hoch – wurden die Sportdisziplinen angepfiffen.

…und da muss ich ehrlich gestehen: wir Musikanten flüchteten erst einmal in die Kühle, nach kühlen Getränken lechzend, wir stillten dann unseren Hunger und waren darnach ganz einfach geschafft. Ich will damit sagen, dass ich ehrlich gesagt nicht mitbekommen habe, wer in welchen Disziplinen gewann! Ich weiss nur, dass unser Dorf auch sportlich ziemlich gut abgeschnitten hatte. Aber das spielte auch gar keine so wichtige Rolle, Hauptsache alle haben mitgemacht und hatten ihren Spass! Und unser Dorf hatte den grossen Triumph, über den weitherum noch wochenlang diskutiert wurde.

„Meine“ Saxofon-Klasse ist in der Zwischenzeit durch Schulabgänge auf die verantwortbare Grösse von fünf geschrumpft, ein Mädchen und drei Jungs blasen nun um die Wette. Die Stimmung in der Truppe ist hervorragend, die der Instrumente etwas weniger Nackenhaar-sträubend. Und die Kids spielen ein beachtliches Repertoire an Songs von H.M.King Bhumibol of Thailand, von mir arrangiert und mit Band-Playbacks hinterlegt. Auf den Bühnen welche die Isaan-Welt bedeuten sind wir gern gesehene Gäste, dort durchbrechen wir oft musikalisch die nicht enden wollenden Ansprachen wichtiger Leute.

Und wer es nicht weiss: H.M.König Bhumibol genoss in jungen Jahren in der Schweiz seine Ausbildung (1933) und lernte dort das Saxofonspiel (1942). Sein Werk an Kompositionen (Traditional, Popsongs, Blues & Jazz) ist beachtlich.

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