Alles begann mit einer einfachen Anfrage

anfangs August. Ich sei doch irgendwie auch (Saxofon)-Lehrer an der Dorfschule hier, eröffneten mir die Musiklehrerin und ihr Mann. Nach drei Jahren sei nun endlich wieder eine Schulreise geplant. Ende August wolle man mit etwa 35 Kids der Abschlussklassen (12-14 jährige) und etwa 10 Lehrern für drei Tage ans Meer fahren. Die Schulleitung der Volksschule unseres Dorfes hätte beschlossen, meine Partnerin und mich zu dieser Reise herzlichst einzuladen.

Schulreise,

da kamen sofort Bilder vergangener Tage aus meiner Jugend und Schulzeit. Ich sehe mich dort oben auf dem Gipfel des Brienzer Rothorns stehen, mit Rucksack und Knickerbocker-Hosen, den sogenannten „Wochen-Scheissern“. Das war eine schöne Schulreise gewesen, die letzte in der Sekundarschule damals,  mit allem Drum und Dran, Wurst-Grilladen, unruhige Nächte im Mädchenzimmer bis hin zum Abstieg nach Lungern, die Füsse voller Blasen. Ja, eine Schulreise, das wär‘s doch mal wieder, und das in einem fremden Land, in einer anderen Kultur, das konnte und wollte ich mir nicht entgehen lassen!

Meine Thai-Familie vergewisserte sich noch einige Male bei mir, ob ich wirklich dabei sein wolle, ob wir tatsächlich zusagen sollen………Ja sicher doch, lassen wir uns für drei Tage aus dem Dorf-Alltag reissen………ich bemerkte wohl das insistierende, skeptische in diesen Fragen, liess mich aber zu keiner Gegenfrage oder weiterer Gedanken hinreissen.

Am 28. August in den Abendstunden war es dann soweit. Um 19.00 Uhr zogen wir mit unserem Rollkoffer los, mit einem Höllenkrach holperten wir damit über die Steinplatten unserer kleinen Soi zum Marktplatz wo der Treffpunkt war. Und da stand er, ein Monster von Bus – laute Hektik, alles Gepäck verstaut und eingestiegen, Abfahrt. Gemächlich, fast wie in einem grosses Boot in ruhigem Gewässer, schaukelten wir in dieser schwarzen Nacht auf unseren löchrigen Nebenstrassen Richtung Highway #2. Ein Lehrer begrüsste und erzählte unter schallendem Gelächter Witze, die ich nicht ganz verstand und mitlachte, Sanook (Spass) war angesagt.

Er sprach über ein Funkmikrofon

lehrer mit mikrofonSehr schnell realisierte ich, dass dieser Bus mit einer Mikrofon– Funkanlage ausgerüstet war. Etwa vier solcher Mikrofone schwirrten im Bus herum. Auf diese Art und Weise konnte der obere Stock mit dem unteren kommunizieren. Dann entdeckte ich den Bildschirm! Vorne in der Mitte, etwa drei Meter von mir entfernt.

Ich erinnerte mich an die Symbole draussen am Bus, und ich glaubte zu erahnen, was jetzt kommen würde……eine Filmvorführung der Thai-Art, laut mit viel Action und viel Palaver…..aber ich täuschte mich, es kam ganz anders! NEIN, es war nicht das DVD-Symbol, sondern das rechts daneben, und da stand KARAOKE!  Mittlerweile hatte ich auch meinen ersten „Feind“ im Bus: der kleine Lautsprecher links über dem Gang, genau auf mein Ohr gerichtet.Nach drei Tagen schrieb ich im Facebook: If loudspeakers could be murdered, this one would R.I.P…………..(Übersetzung: wenn man Lautsprecher ermorden könnte, würde dieser jetzt in Frieden ruhen..)

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In Thailand sieht man sie an jeder Ecke,

die Karaoke-Bars und Schuppen, hell beleuchtet mit Neon-Girlanden und Lämpchen-Ketten. Ist die Show gerade im Gange, dann donnert die Musik dass die Wände beben. Wehe du wohnst in der Nachbarschaft ……….Karaoke dient in Thailand erst einmal dazu, dass die Bevölkerung singt, und das tun sie alle mit Leidenschaft! Es wird kräftig überall geübt, in Bars und Kneipen, in Hinterhöfen und Vorhöfen, zu Hause UND in Tour-Bussen mit Privatgesellschaften! Da verweilten wir gerade eben, also begann zu nächtlicher Stunde um 21.00 Uhr der Karaoke-Contest im Bus der Arnut-Tour auf dem Weg von unserem Dorf im Isaan nach Cha-Am am Golf von Thailand. Zurückzulegende Strecke ca. 850 km mit einem Dieseltank von 200 Litern unter der Toilette und einem Spritverbrauch von 30 Litern pro 100 km, das noch so nebenbei.

thainews schulreise mit farang karaokebusDie Lehrerschaft  eröffnete die musikalischen Darbietungen, stundenlang, lautstark, mit vielen Sprüchen und Gelächter dazwischen. Hier mein erstes Urteil: nur die Englisch-Lehrerin konnte singen, und das ziemlich gut, nicht etwa weil sie des Englischen mächtig ist, das spielte insofern gar keine Rolle, denn die Songs stammten alle ausnahmslos aus der Thai-Pop-Kiste, aber dazu später mehr. Jeder und jede produzierte sich, der Wettkampf war von Anfang an erbarmungslos, die Tonlagen schief, die Balladen—und es waren nur Balladen—zerfledderten in den Lautsprechern, gestöhnte und gewimmerte Phrasen, und mein „Feind“ oben links übermittelte mir alles gnadenlos direkt ins linke Ohr.

thaines schulreise mit farang busAngenehm waren die stündlichen Pausen an den Tankstellen-Raststätten, soviel Gesang drückte offenbar gewaltig auf die Blasen, die Toiletten und Pissoirs wurden gestürmt, ebenso die 7/11– Läden. Bepackt mit Flüssigkeiten und Junkfood zurück in die heimelige Atmosphäre des fahrenden Heims auf Zeit, mit Plüschvorhängen und Disco-Beleuchtung. Und wieder hatte ein Lehrer das Computer-Keyboard mit Bluetooth-Fernsteuerung auf den Knien um den nächsten Karaoke-Song auf den Bildschirm zu zaubern. So ging es die ganze Nacht.

 

 

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Um eine Kultur zu beurteilen,

thaines schulreise mit farang singing teachersollte man immer alle Qualitäts-Aspekte objektiv analysieren. Die Gesangsqualitäten habe ich schon erwähnt, da war leider nichts zu machen. Je länger die Nacht wurde, umso weniger, ohnehin. Ich, der Nostalgie nicht abgeneigt, hörte Klänge aus dieser Bus-Karaoke-Kiste, welche mich an meinen Atari-Computer der 80er erinnerten. Das mag die ersten 20 Minuten lustig sein, denn man erkennt all die Sounds wieder, mit denen man sich als Musiker vor über 25 Jahren herumschlagen musste, inklusive diese wunderbare Panflöte und dieses herrliche Akkordeon, welches man damals unbedingt nicht zuschalten wollte. Und hier war jeder, aber wirklich jeder Song mit immer denselben vorsintflutlichen MIDI-Sounds orchestriert, stundenlang, nicht enden wollend.

Wie bei kulturellen Feldforschungen so üblich, müssen Resultate her. Nun, ich hatte ja Zeit, von Schlafen konnte keine Rede sein, man hätte nicht mal davon träumen können. Also analysierte ich musikwissenschaftlich und kam zur ersten Schlussfolgerung: Die Thais lieben diesen MIDI-Sound, er ist sozusagen kultureller Standard. Und das verrückte ist, dieser Sound ist auch auf den CD-Produktionen der hiesigen Pop-Industrie immer wieder anzutreffen, inklusive der erwähnten Panflöten und Akkordeonen, dazu dann noch die Farfisa-Orgel und die Streicher die dir das T-Shirt hinten reinziehen.

Es ist an der Zeit ein Ohr in die Kompositionen zu werfen:

thaines schulreise mit farang sing a song95 % der Popsongs laufen hier auf den folgenden zwei rhythmischen Grundmustern: einerseits „Dum Ga Dum Ga“, andererseits „Dum Ga ba Dum Dum Ga“……und das im Bereich von 60 bis 90 Schlägen pro Minute im Vierviertel-Takt! Also ich spreche hier von Thai-Pop– Musik. Dass alle gesungenen Texte in der Thai-Sprache sind, ist klar. Die heutige Popmusik ist ja weltweit grundsätzlich austauschbar, obwohl, im Detail liegt das Kleinod. So auch beim Thai-Pop: ab und zu – manchmal wirklich raffiniert eingeflochten – klingt noch etwas Traditionelles mit, am deutlichsten zu hören bei den Panflöten oder mit dem heissgeliebten Akkordeon, auch da in der für Asien typischen Fünfton-Skala.

Die Intros sind in den meisten Fällen 12—8—4—taktig, klassisch eben. Ganz selten aber in einer scharfen Kurve auch 11, oder 7, ab und zu auch 6-taktig. Der Rest ist Schema, es folgen aneinander gereihte Strophen über amouröse Wunschträume und Untergänge, der Background steigert sich von Strophe zu Strophe, immer mehr MIDI‘s drängen sich in den Vordergrund, die Panflöte spielt zur Unterstützung des Singenden gleichtönig-hintergründig die Melodie mit, in einer Atempause ein verzerrtes Gitarrensolo oder, weil hier sehr beliebt, auch mal ein Saxofon Solo…..dazu sollte ich jetzt wohl etwas sagen: es hatte gedauert bis ich diesen Midi-Sound einem Saxofon zuordnen konnte, wer diese Klänge auf MIDI kreiert hat, gehört hinter Gitter.

Dann das Pitch-Rad an den Keyboards – das ist ein kleines Rad auf der linken Seite welches man aus einer Mitte-Position nach oben oder unten drehen kann, der auf der Klaviatur gedrückte Ton moduliert dann nach oben oder unten – also genau dieses Pitch-Rad lieben die Thai-Musiker um den Sax Soli eine vermeintliche Echtheit zu verleihen, und es wimmert und beugt in Midi hoch drei, der Adolphe Sax würde sich im Grabe umdrehen. Um jetzt noch ganz böse nachzudoppeln: der reale Saxofon-Sound der thailändischen Saxofonisten ist eine Mischung aus Kenny G und Pitch-Rad! Inzwischen ist es 03.56 und der letzte Song geht dem Ende zu.

Herrlich dieses sanfte Brummen

thaines schulreise mit farang sleepthaines schulreise mit farang tiredder Dieselmaschine, das angenehme Dahinschaukeln über Thailands Platten-Strassen, bald verfalle ich in einen Schlaf voller Träume wo mich hässlich-grüne Midi-Männchen Karaoke-singend mit einer pinkfarbenen Panflöte fuchtelnd verfolgen……..

Ich reisse in Panik die Augen auf, die Leuchtdiode oben links zeigt 06.11 Uhr, draussen dämmert es und wir haben an einer Raststätte am südlichen Stadtrand von Bangkok Halt gemacht. Ich habe die Durchquerung der 16-Millionen-Stadt tatsächlich verpennt. Es war Zeit für einen Kaffee und ein Frühstück.

Liebe Leute, ich werde es jetzt verklemmen wieder in dasselbe Thema zurückzufallen, was uns bis anhin beschäftigte. Aber leider, zurück im Bus, musste ich mich dieser kulturellen Indoktrination weiterhin ergeben. Zur Erdung und zur Stärkung meiner Nervenenden sang ich ein bis tief in den Bauch hineinschwingendes OOOOOHHMMMMMM…visualisierte eine einzige Panflötenröhre und versank in die meditative Betrachtung der vorbeiziehenden, industriellen Vororts-Eintönigkeit.

Normalerweise wäre Mann und Frau

nach solch durchzechter Nacht nun gerne in ein Hotelzimmer eingecheckt, hätte so gerne geduscht, Zähne geputzt und sich vielleicht sogar etwas hingelegt. Aber a) waren wir noch etwa 160 km vom Ziel, sprich Hotel, entfernt, b) ist die Region reich an Sehenswürdigkeiten und c) wenn ein Thai eine Reise tut………… Und alle waren erstaunlich fit und beinahe aufgeregt, das Tagesprogramm konnte beginnen.

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Tempel, Swiss Sheep Farm (was für eine herrlich klischierte Nostalgie!), noch mehr Tempel, Pilgerorte, Suppenküche – und dazwischen immer wieder diese flotten Gesänge – eine Prise Karaoke im Bus. Der Power und die Lebensfreude meiner Reisebegleiter-Innen war unglaublich, ich war hundemüde.

Endlich, um 15.00 Uhr Ankunft im Hotel in Cha-Am am Golf. Einchecken, ab unter die Dusche….AAAAAAAHHHHHH!

Um 16.00 Uhr treffen wir uns am Strand, hiess es, also eine Stunde relaxen, ein Kurzschlaf war auch dabei, immerhin.

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Was machen Thais am Strand??

Ja genau, zuerst einmal essen!….und dann, baden! Auch im Wasser heisst die Devise: SANOOK! Spass haben, und wenn es dabei aussieht wie eine Banane, schwimmt und fährt bis es umkippt, ist der Sanook am grössten. Für die meisten Kids war es der erste Kontakt mit Meereswasser und Medusen- die hatte es zahlreich in der Regenzeit!

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Nach dem Wettschwimmen mit Medusen war Duschen angesagt, denn es juckte allenthalben auch unter der Badebekleidung. Das Duschen ist immer ein Moment der genüsslichen Einsamkeit und der angenehmen Abkühlung hier in den belebten Tropen. Ich trat eben aus dem Hong Nam, dem Wasser Zimmer, da hörte ich von irgendwo draussen ….nüng, song….nüng, song, sam….also das thailändische one –two….one-two-three von einer offenbar sehr laut eingestellten Lautsprecheranlage durch die Wände unseres Hotelzimmers dringen.

thaines schulreise mit farang teachers tableAls wir dann gut gekleidet in den Garten des Hotels zum geladenen Dinner herabstiegen, traute ich meinen Ohren und Augen nicht. Da war beinahe schon die ganze Lehrerschaft beim Apéro versammelt, einer mit Mikrofon, und aus den PA-Boxen donnerte der erste KARAOKE-Song. Mir blieb die Luft weg! Anständigerweise kamen mir nur die arabischen Flüche in den Sinn und ich heckte sogleich eine Rückzugs-Strategie aus, die letztendlich doch erfolglos blieb. Der vorgetäuschte Sonnenstich wurde sofort durchschaut, da ja die Sonne gar nicht richtig geschienen hatte, so ein Seich!

 

 

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Also, rein ins Vergnügen,

das Essen war super uthaines schulreise mit farang andi dancend scharf, die Ansprachen bewegend, der Alkohol floss in Strömen (bei mir das Nam Phao = Wasser) und es wurde gesungen (KARAOKE, was denn sonst!) und getanzt. Und alles in Abwesenheit der Kids, diese wurden irgendwo verpflegt und blieben den ganzen Abend unter sich. Irgendwann fuhren sie mit gemieteten Fahrrädern und Tandems vorbei und hatten offensichtlich ebenfalls ihren Spass.

Kurzer Schlaf, morgens um 06.00 Uhr alle im Meer, Frühstück vom 7/11 nebenan, Abfahrt. Den ganzen Tag gen Norden trödelnd, Floating Market und unzählige Tankstellen besichtigend. Der Sound im Bus wechselte von Thai-Pop zu fetzigen Isaan-Nummern, je näher wir der Heimat kamen, es wurde lauter und ausgelassener.

 

Bei einigen Erwachsenen schien sich nun endlich Müdigkeit breit zu machen,

thaines schulreise mit farang kids karaokenicht so aber bei den Kids. Die jungen Damen setzten Karaoke-mässig das fort, was die Lehrerschaft am späteren Nachmittag begonnen hatte. Alle mussten sie singen, unter viel Gelächter wurde kein Song ausgelassen. Dum Ga Dum Ga und Dum Ga ba Dum Dum Ga……im Bereich von 60 bis 90 bpm, die Welt war (beinahe) in Ordnung. Es war 21.33, plötzlich ertönte eine noch nie gehörte Stimme. Ein Junge!

Der Reigen der pubertierenden männlichen Stimmen begann, offenbar hatten sich die Jungs genug Mut mit Softdrinks angetrunken. Unter dem Gejohle und Geklatsche der weiblichen Fans kämpften sich die Stimmbrüchigen durch die Lieder, da waren die Brummler (die Melodie bewegt sich mehr oder weniger auf einer tieferen Tonhöhe) und Krächzer, einige Stimmen tanzten willkürlich auf zwei Etagen….aber auch die Herren kannten alle Texte auswendig, fast alle. Wir hatten das Glück, dass die direkten Reihen hinter uns von diesen Jungs besetzt waren. Bisher hatten wir auf der Reise nur das Gepiepse und Gezirpe der Computer-Spiele ihrer Smart-Phones, oder besser noch Smart-Tablets, vernommen. Jetzt waren wir hautnah mitten im Geschehen und erlebten so einen weiteren Höhepunkt auf unserer schönen Reise.

Ankunft um 04.00 Uhr morgens am Tag vier! Plötzliche Stille!

thaines schulreise mit farang karaoke in the nightNachspiel: der Arzt verordnete mir eine einwöchige, absolute Stille mit mindestens 10 Stunden Schlaf pro Tag. Kein Jazz?… fragte ich ihn etwas scheu…NEIN kein Jazz!…keine Klassik?…was ist denn das? NEIN auch keine Klassik !……dazu erhielt ich lebenslanges KARAOKE-Verbot aufgebrummt. Dabei konnte ich ja gar nichts dafür…..

 

 

 

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