Roter Lotos – Phadaeng, Phankhi und Nang Ai – eine tragische Geschichte

 

andis blog roter lotos auf dem seeSüdöstlich von Udon Thani entfaltet sich in der Winterzeit (Rüduu Nau) ein unglaubliches, bezauberndes Schauspiel mit roten Lotosblüten auf einem grossen See in der Nähe des Dorfes Nong Han. Meine Thai-Familie kannte wohl die Sage, der grosse Epos der um diesen Ort gewoben ist, aber nicht den Ort selber. Keiner war je da, keiner hat diese unbeschreibliche Pracht der Natur je gesehen, obwohl Nong Han keine 40 km von unserem Dorf entfernt liegt.

Der See bei Nong Han ist in der kalten Jahreszeit von unzähligen roten Lotosblüten (Bua Daeng) bedeckt, soweit das Auge reicht. Es gibt keine Worte für dieses unglaubliche Naturschauspiel. Es war unsere alte Mutter, Mea Thongyoo, die mir die Sage um diesen See als erste erzählte, bevor wir uns auf die Reise machten. Für die alte Bauernfrau wurde ihre erste Bootsfahrt auf dem See zum unvergesslichen Erlebnis!

Phadaeng, Phankhi und Nang Ai – eine tragische Geschichte

Die Sage um den Lotosblütensee entstand zwischen dem 11ten und 13ten Jahrhundert hier im Isaan und wurde zur wichtigsten Volks-Sage schlechthin. Die epischen Aufführungen dieser Geschichte wiederspiegelnheute die Kultur und Traditionen in Kostümen, Musik und Prosa; aber auch die buddhistische Anschauung und die geschichtlichen Hintergründe hier im Nordosten Thailands. Der Mythos interpretiert und erklärt die Geografie des Isaan, Ortsnamen, die Beziehung zwischen Mensch und Natur und viele weitere Aspekte des täglichen Lebens.

andis blog nangaiFaszinierend aber ist, dass sich starke Aussagen des Epos bis in das moderne Leben der Thais weiter getragen haben. Nang Ai wurde von den beiden Jünglingen wegen ihrer Schönheit begehrt und umworben. So sind die Menschen hier im Isaan noch heute der absoluten Überzeugung, ihre Frauen seien die schönsten in ganz Thailand…….wenn dem so ist, dann hat zwar die Moderne mit ihrem Junk-Food, der Bequemlichkeit und den, wie ich es nenne, künstlichen Schönheitsdeformationen ihren Tribut an diesem Schönheitsideal eingefordert, aber ich persönlich teile diese Meinung trotzdem gerne!

Diese tragische Dreiecksgeschichte spiegelt sich auch in beinahe jedem Thai-Film, in den Fernseh-Serien und Soaps, und das täglich auf unzähligen Sendern wieder. Die Szenen sind meistens von eifersüchtig keifenden, schreienden, heulenden „Schönheiten“ und vom Wohlstand verzogenen Jünglingen reicher Eltern dominiert. Der intrigante Einfluss der beteiligten Familienclans ist offensichtlich. Die „Happy Ends“ ganz am Schluss der Serien wirken nach all den Intrigen, den Hass– und Eifersuchtsexzessen in der Regel sehr unnatürlich und etwas aufgesetzt. Wer sich das nun tagtäglich medial reinzieht – und das tun die meisten in diesem Lande, inklusive die Kinder – der muss mit der Zeit so konditioniert sein, dass Liebesbeziehungen nur scheitern können, was leider in der Wirklichkeit der thailändischen Gesellschaft auch sehr oft der Fall ist.

Ein interessantes Rätsel gibt die Story auf, wo Phadaeng und Ang Ni in einer Szene mit einem Pferd (Ma) flüchten müssen. Es gibt hier keine wilden Pferde! ..habe im Isaan noch nie eins gesichtet! ….eine Antwort auf diese Frage habe ich noch nicht gefunden. Was diese Frage so spannend macht, liegt in der

Familiengeschichte „meiner“ Familie vor Ort:

lotos07Etwa 40 km südlich von unserem Dorf liegt der grosse Stau-Damm und -See Ubonrat, der wurde vor etwa 70 Jahren erbaut. Die Bauern, die damals dort gelebt hatten, wurden zwangsumgesiedelt. Ihnen wurde von der Regierung genau hier in der Gegend, in den Distrikten Non-Sa-at und Kumphawapi, Urwald (Pa Yai) zur freien Verfügung angeboten, das hiess, sie konnten dem Urwald so viel Land abringen, wie sie zur Ernährung ihrer Familien benötigen würden. Grossvater Pho Nu Nonthaneed, eine auch nach seinem Tode legendäre Persönlichkeit hier im Dorf, war einer der ersten der hierher kam. Und man sagt, er habe damals noch gegen wilde Tiger (Süa) kämpfen müssen. Auch war der Urwald voll mit anderem Getier wie Schlangen (Ngu), Skorpione (Pong), Papageien (Nok Gäu), Affen (Ling) und Elefanten (Chang).

Der Urwald wurde in den Jahrzehnten weggerodet, vereinzelte in der Landschaft stehende Baumriesen zeugen noch heute von dieser Zeit. Die Schlangen (Ngu) sind geblieben, inklusive der Königskobra, zur Veranschaulichung hängen in meinem Studio drei A2-Plakate mit allen Schlangentypen der Region, von höchst giftig, giftig bis ungiftig. Kürzlich lernte ich bei einem Freund einen 12-jährigen Hund kennen, der jede Schlange getötet hat, die ihm im Garten begegnete. Und monkeyeines Tages sah ich auf dem Felde einen Mungo vorbeirasen, das einzige Tier, welches auch eine Kobra zur Strecke bringt. Es ist eines meiner Ziele in naher Zukunft, das Leben und Verhalten des Mungo in unserer Gegend zu erforschen, das fasziniert mich unglaublich. Das Risiko dabei Schlangen zu begegnen ist mir bewusst und auch gewollt, denn auch diese an sich sehr ängstlichen Tiere sind faszinierend. Immerhin hatten wir schon einige Schlangen zu Besuch in unserem Garten, die letzte war zwei Meter lang und jagte eine Eidechse über den Hofplatz.

In der Stadt Kumphawapi hocken sie zu hunderten, die Paviane, ganze Familien mit ihren Jungen. Sie hangeln in der ganzen Stadt herum, bei all dem Gewirr von herumhängenden Stromleitungen ein Affen– Eldorado. Das Interessante ist, nur hier sind sie, die Affen, und sonst nirgends. Die Alten in der Stadt sagen, die Affen aus dem Urwald wären bei ihnen geblieben und würden auf die Rückkehr des Urwaldes warten…….eine interessante Perspektive.

Elefanten sind hier andis blog elefant im dorfoffenbar ganze Herden durch den Dschungel gewandert. Heute lebt das thailändische Nationaltier in Reservaten, Elephant-Trainingcamps und für den Tourismus – aber auch wild in Nationalparks. Kürzlich durchfuhren wir die Regenwälder des Namnao-Nationalparks, etwa 120 km westlich von hier. Im Abstand von 500 m standen die Schilder „Beware of Elephants“. Leider rannten keine Dickhäuter über die Strasse. …aber wo sind die Pferde geblieben??

In den tropischen Regenwäldern lebten vielleicht Einhorne, aber keine Pferde! Und wenn hier vor 70 Jahren noch dichter Urwald war, dann war der im 11ten Jahrhundert 40 km von hier erst recht, soweit die Logik…..und nun zurück zur

 

Geschichte von Nang Ai

nangai05Der nordöstliche Teil des heutigen Thailand war im 11 Jh. in drei kleine Königreiche eingeteilt, die heute in etwa den Grossbezirken Nong Khai (nördlichster Teil am Mekong), Udon Thani (mittlerer Teil, wo auch unser Dorf liegt) und Khon Kaen (südlich von hier). Das Königspaar des mittleren Reiches hatte eine Tochter, Nang Ai, die so bildschön war, dass sich das bald überall herumsprach. Die Familie des südlichen Königtums mit ihrem Sohn Phankhi sprachen als erste bei Nang Ai‘s Eltern vor, die Eltern einigten sich auf eine Hochzeit. Es war wohl bekannt, dass die Königsfamilie des südlichen Reiches sehr mächtig war. Man munkelte, sie würden sich auch in Tiere verwandeln können, besonders in Nagas (Schlangenwesen, Schlangengottheit—heute in den meisten Tempeln Thailands am Treppenaufgang anzutreffen).

Aber auch der Sohn des nördlichen Königsreiches, Phadaeng, interessierte sich für Nang Ai und machte ihr und ihrer Familie seine Aufwartung. Nang Ai verliebte sich sofort in Phadaeng! Von der arrangierten Hochzeit mit Phankhi wollte sie nichts mehr wissen und wiedersetzte sich ihren Eltern, indem sie Phadaeng heimlich im Jagdhaus im Wald ihrer Eltern traf. Eine Parallele zu diesem Absatz der Geschichte sind heute die vielen Resorts im Isaan, wo sich unzählige Nang Ai’s und Phadaeng’s (Gicks) treffen…

nangai03Eines Tages wurden daselbst Nang Ai und Phadaeng von Phankhi überrascht. Phankhi hatte sich als Eichhörnchen getarnt und wollte auskundschaften, ob Nang Ai die richtige für ihn sei. Als Nang Ai davon erfuhr, befahl sie allen Jägern des Hofes, die Eichhörnchen im Walde zu jagen und sie sofort zu töten. So geschah es, und noch im Tode beschwor Phankhi, dass sich sein Fleisch vermehren würde und jeder, der davon isst, müsse sterben, denn Eichhörnchen-Fleisch war eine Delikatesse im Lande.

Unterdessen erfuhren die Eltern von Phankhi‘s Tode und waren darüber so erzürnt, dass sie sich in mächtige Nagas (im Isaan: Nakhras) verwandelten um Nang Ai und Phadaeng zu vernichten. Diese versuchten noch mit einem Pferd (….) zu flüchten, hatten aber gegen die Nagas keine Chance. Diese umkreisten weiträumig das Anwesen der Königsfamilie des mittleren Reiches in der Art, dass ein riesiger Strudel entstand und alles mit sich in die Tiefe riss, das riesige Loch füllte sich mit Wasser und war fortan ein See. Bald sprossen rote Lotosblüten zu Tausenden an der Wasseroberfläche und man erzählte sich, dass jeder der zu Tode kam weil er vom Eichhörnchen-Fleisch des Phankhi ass, sich in eine rote Lotosblüte verwandelt hätte. Die wenigen Überlebenden erbauten später zwei kleine Tempel am Seeufer und auf einer kleinen Insel, die verschont blieb weil dort ehrliche Bauern wohnten.

nangai04

Und die Moral von der Geschichte?

lotos04….ist mir keine bekannt. Vielleicht sollte Mann den Umgang mit Isaan-Schönheiten etwas vorsichtig angehen und vor allem die Naga-Tauglichkeit der Schwiegereltern prüfen.  Und wenn an einem der unzähligen Isaan-Feste eine Nang-Ai-Dorfschönheit mit einem Phadaeng- Jüngling auf einem Pferd vorbeipreschen sollte, dann ist die Flucht angesagt. Denn wer möchte schon als rosa Lotosblüte auf einem See enden. Da schauen wir sie uns doch lieber von einem kleinen Boot aus an, so wie auf den Fotos.

Bitte Artikel teilen, DankeShare on Facebook
Facebook
Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on LinkedIn
Linkedin