Die-Geister-die-ich-rief--thainewsDie Geister die ich rief…werd‘ ich nun nicht mehr los. Diese geflügelten Worte aus Goethes Zauberlehrling werden an sich als Metapher gebraucht, wenn Entwicklungen ausser Kontrolle geraten und auch von den Urhebern nicht mehr aufgehalten werden können. Diese Metapher passt doch bestens zu unserer ach so modernen Zeit. In Goethes Ballade war der Zauberlehrling anfangs stolz auf sein Können gewesen, aber als die Besen unkontrolliert zu laufen beginnen – „nass und nässer wird’s im Saal und auf den Stufen, welch entsetzliches Gewässer! Herr und Meister! Hör mich rufen“…- da spiegelt sich in den sieben Strophen eine ach so menschheits-typische Entwicklung:

Überheblichkeit, Wichtigtuerei, Machtrausch,

gefolgt von Angst und Verzweiflung, hilfloses Schimpfen, Verzweiflungstat, Hilferuf, Rettung durch den Zaubermeister. Interessant, aber heute scheinen die meisten ausser Kontrolle geratenen Entwicklungen in den Verzweiflungstaten stecken zu bleiben. Wenn sich die heutigen Idole in Lady Gagas, korrupten Fussball-Millionären, hirnamputierten Jetsettern und von Macht-und Geldgier befallenen „Volksvertretern“ manifestieren, dann ist es ja auch kein Wunder, sind uns die Zaubermeister abhandengekommen sind.

Unser schönes Gastgeberland Thailand ist fest im Griff der Geister (Phii),

selbst die Höchsten sind davor nicht verschont, so schrieb doch eine Zeitung, „der Generalissimo sei Ziel von schwarzer Magie geworden. Er habe über einen rauen Hals und Nackenschmerzen geklagt. Jemand habe ihm gesagt, Leute hätten ihn verflucht. Daraufhin habe der Generalissimo so viel heiliges Wasser über seinen Kopf gegossen, dass er nun befürchte, eine Erkältung zu bekommen“…..die Fotos dazu in der Zeitung waren eindrücklich und attestieren ihm doch eine gewisse Volksnähe.

Meine erste Konfrontation mit den Geistern Phii

Die-Geister-die-ich-riefhier geschah aufgrund meines Wunsches, um unser Haus Bäume zu pflanzen. Mein Lieblingsbaum, der Ton Sam Saa (Regenbaum), hätte sich dazu vorzüglich geeignet, sieht er doch mit seinem wunderschön ausgebreiteten Blätterdach wie ein Sonnenschirm aus. Die Familie schwieg vorerst einmal zu diesem Vorschlag. Es dauerte eine ganze Weile bis mir erklärt wurde, dass unser Garten kein Platz für einen Ton Sam Saa sei, denn er sei die Lieblingsbehausung der Phii. Aha! Fazit aus dieser Begebenheit: 1. die Phiis bestimmen das Leben hier und 2. die Menschen scheuen sich, uns Farangs (Ausländer) das Geisterwesen zu erklären, da sie denken, wir würden das nicht verstehen und ohnehin nur belächeln, oder sie deswegen gar auslachen. Nun, ich kann das gut nachvollziehen und verstehen, denn ich kenne einige Farangs, die das leider auch tun.

Ich für meinen Teil weiss, dass es Geister gibt,

selbst in Europa – übrigens, Geister mit Gespenstern gleichzusetzen wäre ein fataler Fehler! – und nehme das entsprechend ernst. In allen Weltreligionen gibt es diese Zwischenwelten wo sie herumdüsen, die Seelen der Toten. Es ist die Zone des Ungewissen, des Loslassens, der einen wichtigen und mit grossen Ängsten behafteten Frage nach dem Wohin, welche die Menschheit schon immer beschäftigte, seit der Homo Sapiens auf den Füssen gelandet ist. Ich nenne diese Zwischenwelt aus menschlicher Sicht mittlerweile die Knautschzone der manipulativen Ängste. Trotz aller Versuche menschlicher Erklärungen dieser Wirklichkeit bleiben nur Ansichten und Wahrheiten übrig, keine Beweise, dafür viel Fantasie und eben auch viele Ängste. Wahrheiten sind genauso richtig wie sie auch falsch sind, wie Zaubermeister Hesse zu sagen pflegte. Und wo er Recht hatte, da hatte er Recht.

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Demzufolge finde ich es persönlich viel spannender, wie diese knautschenden Zwischenwelten von uns Menschen im täglichen Leben interpretiert und gehandhabt werden. Das wäre meiner Ansicht nach ohnehin die bessere Sinnfrage des Lebens: was tun wir mit grossartigen Ideen und Visionen? Wie verhindern wir, dass sie im Sinne der sieben Goeth’schen Strophen pervertieren? Wir können das anscheinend kaum verhindern, wir sind eben Mensch. Grosse Ideen und Visionen haben immer die Rechnung ohne uns gemacht. Das zeigt uns zwar die Menschheits-Geschichte immer wieder auf, aber der Lerneffekt will einfach nicht einsetzen. Noch nicht.

Als ich vor über dreissig Jahren

Die-Geister-die-ich-riefden Buddhismus als meinen Lebensweg wählte, war ich von zwei Erkenntnissen motiviert: erstens ist Buddhismus ein Weg und keine Religion, und zweitens entschärft die Idee der Wiedergeburt die christliche Brutalität des nur einen Lebens mit dem Fallbeil am Ende. Vor meiner Wahl hatte ich mir die Freiheit genommen, alle Weltreligionen eingehend zu studieren. Interessant dabei die Feststellung, dass alle mit einem umsichtigen Lehrer begannen, Lehrer die für uns alle nur das eine wollten und empfahlen, nämlich ein friedliches Zusammenleben. Davon sind wir heute wohl etwas weiter entfernt als ursprünglich geplant, denn diese Lehren hatten auch nicht mit uns gerechnet. Der Mensch begann diese, an sich wunderbar in verschiedenen Sprachen für unterschiedliche Klimazonen angebotenen Hilfen nach seinen Machtgelüsten zu kneten und entsprechend zu interpretieren.

Eine diesbezüglich beeindruckende Geschichte bietet diese an sich in einfachen Metaphern der Wüstensprache mündlich überlieferte Lehre, welche dann in komplizierte Texte gesperrt und letztendlich von der Wüste in die Buchenwälder Europas verpflanzt wurde. Das konnte nicht gut gehen. Wir alle wissen doch, dass ein Beduine aus der Wüste total anders denkt als ein wilder Bergbauer in den Alpen. Die grossen Missverständnisse waren vorprogrammiert und arteten sehr schnell in monopolistische Machtansprüche aus. Wer nicht an die Macht dieses einen, grossen, hochstilisierten Gottes glaubte, hinter dem sich die Mächtigen des Landes verbargen, der wurde verbrannt oder sonst wie umgelegt. Vorbei war es mit der Lehre des friedlichen Zusammenlebens.

Sinn und Zweck verfehlt,

also sollte es sich doch auf der weltlichen Ebene lohnen, und überhaupt, ein solches System will auch finanziert sein. Da anerbot sich eben diese Knautschzone der Ängste, die Zwischenwelt wo niemand so recht wusste…..bald hiess es: „je mehr Mammon du bringst umso heiler überstehst Du diese beängstigende Flugbahn zwischen Erde und Himmel oder eben der Hölle.“ Das wurde wahrscheinlich zum einträglichsten Geschäftsmodell aller Zeiten, neben dem Waffen- und Drogenhandel und der Pharma- und Erdölindustrie notabene. Je mehr Angst, umso mehr wurde auf der einen Seite geblecht, umso mehr wurde sich auf der anderen Seite bereichert. Die Fortsetzung der Sklaverei mit anderen Mitteln bis in die heutigen Tage. Elegant werden diese Praktiken als „Ablasshandlungen“ bezeichnet.

Als Jazzmusiker entschied ich mich schon sehr früh

für die Hölle, denn dort spielen sie alle, meine musikalischen Idole. Dort sitzen sie in der Bigband und spielen endlos in Höllenqualen ihre Soli. Da fragte doch der Dexter, als er da unten ankam und sich neben den Miles setzen durfte, diesen, wo denn die Höllenqualen seien, bei all der geilen Musik die sie da spielen. Der Miles antwortete gelassen und mit kratziger Stimme:“ Die Songs haben alle Wiederholungen, aber das Coda fehlt“.   Wer diesen Musikerwitz nicht verstanden hat, der frage bitte einen Musiker…..Ohne Codas zu jazzen ist für mich immerhin eine bessere Aussicht als auf den Wolken sitzend über Geigensaiten zu kratzen…

Der Buddhismus

war lange seiner ursprünglichen Umgebung treu geblieben, eine tropische Dschungel-Lehre eben. Mit der Abholzung der Regenwälder aber kam auch diese Lehre in existenzielle Konflikte und der Machtanspruch der orange- und safran-farbig Umwickelten stieg rasant. Dogmatik machte auch hier die Lehre eines einfachen Lebensweges letztlich zur Religion der Macht. Die Phii wurden immer ungehaltener und auch aggressiver, sie begannen überall ihr Unwesen zu treiben. Eine Beschwichtigungswelle (Tamboon)  nach der andern machte zwar die Tempel reicher und reicher, aber interessanterweise deswegen die Phii nicht umgänglicher.

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Jeder kann hier jederzeit in den Shanga (Gemeinschaft der buddhistischen Übenden/ Praktizierenden = Mönchsorden) eintreten, wenn er die orange- oder safran-farbige Robe anzieht und das Gelübde ablegt. An sich eine gute Sache, welche ganz dem letzten „edlen Pfad“ entspricht, nämlich sich in Sammlung, Konzentration und Meditation den „Vier Edlen Wahrheiten“ sowie dem „Edlen Achtfachen Pfad“ des Buddha zu widmen. In der Tradition wünscht sich jede Familie, dass mindestens ein männliches Mitglied die sogenannte „Zuflucht zu den drei Juwelen“ für eine begrenzte Zeit sucht, nämlich die Zuflucht zu Buddha, zur Dharma (Lehre) und zum Shanga. Aber nur wer das aus tiefster innerer Überzeugung tut, gilt als Buddhist.

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Man hört immer mehr, dass eben diese innere Überzeugung mit Arbeitsscheue bis hin zu kriminellen Machenschaften verwechselt wird, was die Tempel immer öfters zu Auffangbecken von gescheiterten Existenzen macht. In einer höchst korrupten Gesellschaft blüht selbsterklärend der „Ablasshandel“ und spült ungeahnte Reichtümer in die Tempelkassen. Da verwundert es nicht, wenn junge Mönche, aber auch ältere Äbte die „Zuflucht zu den drei Juwelen“ zu wörtlich nehmen und sich an den Juwelen bedienen. Interessant ist es immer wieder zu beobachten, wie sich die orange Farbe auffällig unter die Kundschaft in den IT-Centern mischt. Eine erfolgreiche „Zuflucht“ Jugendlicher manifestiert sich oft im Besitz von neuen Mobile-Phones, Tablets oder Laptops beim Verlassen des Tempels.

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Greifen sie dann doch zu schamlos zu,

die Mönche, kann es durchaus sein, das ein neuer Skandal das Land erschüttert. Nenkham der Mönch hat 2013 den wohl grössten Skandal in der Geschichte Thailands verursacht, soeben wurde er endlich von den USA ausgeliefert, wohin er ins Exil flüchtete. Hier seine Geschichte:

Seine enorme Fähigkeit, den Menschen Vertrauen zu schenken, hat viele Reiche aus Bangkok dazu bewogen, Nenkham ihr Schwarzgeld anzuvertrauen. Er versprach ihnen, ihr Geld mit dem Segen Buddhas reinzuwaschen. Und man staune, es waren gegen 100 Millionen, Dollar, nicht Baht. Das war nun die Version „hinter der Hand“…die offizielle lautete: der Mönch Luang Pu Nen Kham als Vorsteher des Wat Pa Khanti Tham in Sisaket hat das gesammelte Geld zur Errichtung des grössten Smaragd– Buddhas in Thailand veruntreut, auf ausländische Banken transferiert (10 Bankkonten!), einen Teil aber selbstsüchtig in Luxusgüter hier im Lande angelegt. So hat er sich zwischen Bangkok und Sisaket im eigenen Jet transportieren lassen, man spricht von 60 Luxuslimousinen, und er besass sogar ein iPhone!…Deshalb nennt sich das Ganze auch „the Luxirous Monk Scandal“. Thailand ist empört. Die neuesten Aufdeckungen seien Drogen und Sex mit Jugendlichen, dieses eine kompromittierende Foto (so ein richtig herrlich-unscharfes Denunzianten-Bildchen) wurde zwar mittlerweile von seinem Bruder beansprucht….

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Auf jeden Fall hat die ganze Story dem Ansehen der thailändischen Mönchsgemeinde (Shanga) schwer geschadet, offenbar auch einigen einflussreichen Leuten an der Spitze des Landes. Eine Zeitung schrieb zu diesem Thema: „Wozu braucht ein berühmter Mönch ein Luxusfahrzeug? Die DSI (Department of Special Investigation) lässt bei ihren Ermittlungen nicht locker und hat eine Liste von 488 Luxusfahrzeugen veröffentlicht. Eigentümer sind neben hochrangigen Polizeibeamten, Militärs (ja genau, richtig gelesen), Geschäftsleuten und Politiker auch ein bekannter Mönch und Prediger.“ Das war noch vor dem Militär-Cup!

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Wenn ich in der Nacht alleine auf meiner Veranda sitze

und diese Phii-Leuchtwesen in schillernd fluoreszierenden Farben vorbeihuschen oder fliegen, versuche ich mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Und siehe da, sie erzählen mir ihre Nöte und die Gründe des nicht Loslassen Könnens. Da gibt es noch so viel Unerledigtes was sie zurückhält, zwischenmenschliche Katastrophen die nie bereinigt wurden. Im Grunde genommen sind sie in dieser Zwischenwelt dieser Grundidee des friedlichen Zusammenlebens wieder sehr nahe. Wir könnten viel von ihnen lernen, aber viele haben lieber Angst und bezahlen.

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Baang war unsere Nachbarin,

sie war eine grosse Seele von einem Menschen und litt an einer Nierenschrumpfung. Sie kam jeden Tag und sass stundenlang in unserem Garten bis sie starb. Die Abende nach ihrem Tod und den Feierlichkeiten sass ich wie immer alleine auf meiner Veranda, und sie sass auf dem Mäuerchen an derselben Stelle wie zu Lebzeiten. Ich erklärte meiner Familie, dass Baang und ich noch eine Weile brauchten, um uns anzulächeln. Diese einfache Erklärung öffnete mir den Weg, mit meinen Leuten anders über die herumschwirrenden Phii zu reden. Vor allem erkläre ich immer wieder, dass ich vor den Phii keine Angst habe, denn nur meine Ängste würden mein Leben wirklich negativ beeinflussen, ein Phii nimmt mir keinen Reis weg. Es entstand sozusagen eine Phii-Gesprächskultur, zaghaft zwar und immer noch sehr angstbehaftet, aber immerhin.

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Jetzt wäre es an der Zeit,

auf die verschiedenen Phii-Spezies im Detail einzugehen. Da gibt es die Phii Grasü als alte Hexenweiber, oder die Phii Tai Thang Glom mit ihrem Liebeszauber, oder die heimatlosen Phii Pret, oder die Phii Lang Gluang die sich gerne ihre offenen, mit Würmern durchsetzen Rücken kratzen lassen. Und dann noch der wichtigste Phii Khwang, der persönliche Schutzgeist eines jeden Thai. Auf mehr Details und Erklärungen verzichte ich jetzt aber aufgrund des jetzt schon sehr lange geratenen Blogs.

Von einem Konflikt,

den ich mit meinem Umgang mit den Phii habe, muss ich aber noch berichten. Die Thais wissen, dass wohlgestimmte Phii die richtigen Lotto-Zahlen einflüstern oder sonst wie übermitteln können. Das ist für viele eine dramatische Herausforderung, ihre Ängste zu überwinden und sich für ein paar Zahlen mit den Phii gut zu stellen. In einem Dorf in der Nähe hatte vor zwei Jahren ein Phii von einem jungen Menschen Besitz ergriffen und ihm die richtigen Zahlen zugeflüstert, das Dorf wurde sozusagen über Nacht zum Lotto-Millionär. Mit einer grossen und geheimen Prozession wurde dem Phii gedankt, man bat ihn aber in einem exorzistisch anmutenden Zeremoniell, den Körper des Jugendlichen wieder zu verlassen. Es war das erste Mal in diesem Land, dass mir an einem Anlass das Fotografieren verboten wurde, wohl aus Angst dass Fotos in den sozialen Medien auftauchen könnten.

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Da ich selber keine Angst vor den Phii und mit ihnen schon beinahe eine Gesprächskultur habe, erwartet meine Familie nun jeden Monat zweimal, dass ich die richtigen Lotto-Zahlen liefere. Mit mir wollen aber die Phii ums Verrecken nicht über Zahlen sprechen ……!

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Die letzten vier Blogs:

Die nicht mehr ganz so junge Thai-Lady aus dem Isaan und der ältere Farang
http://www.blue-monkey.ch/thainews/die-nicht-mehr-ganz-so-junge-thai-lady-aus-dem-isaan-und-der-aeltere-farang

Gold, die goldigen Damen Thong
http://www.blue-monkey.ch/thainews/gold-die-goldigen-damen-thong

Eine ganz normale Katastrophe
http://www.blue-monkey.ch/thainews/eine-ganz-normale-katastrophe

Der Mann mit den Bäumen
http://www.blue-monkey.ch/thainews/der-mann-mit-den-baeumen

ich freue mich auf Kommentare ! Danke
Andi

 

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