Eine Geschichte beginnt oft mit einer Geschichte;

dies kann ein Zeitungsartikel, ein Buch, ein Bild, aber auch eine Fotografie sein, wie wir später noch sehen werden. Das Leben besteht aus unzähligen Geschichten welche wiederum neue Geschichten auslösen, sich weiter entwickeln, ein nächstes Kapitel aufschlagen und schreiben. Jede Geschichte, die einen tiefen Eindruck hinterlässt, hat sozusagen eine Vorbildfunktion und ist meistens sehr prägend für weitere Schritte im Leben. Ein Buch, welches mein Leben nachhaltig prägte ist „Siddhartha“ von Hermann Hesse, ein Beispiel von vielen. Für Robert ist es „Der Mann mit den Bäumen“ des französischen Autors Jean Giono aus dem Jahre 1953. Und diese Geschichte hatte es in sich für Robert, den Naturfreund.

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Diese kleine Schrift erzählt die Geschichte des einsamen Schäfers Elzéard Bouffier,

der mit grossen aber erfolgreichen Bemühungen eine karge Berggegend in der Provence in Frankreich wieder aufforstet. Nach vier Jahrzehnten unbeirrtem Bäume pflanzen des Schäfers hat die Gegend wieder mit Wasser gefüllte Brunnen und die Menschen kehren zurück und siedeln sich wieder an. Wasser ist Leben, wie Robert heute richtig bemerkt.

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Robert’s Geschichte beginnt in der Gärtnerei seines Vaters

im fruchtbaren Ostschweizer Mittelland. Da wuchs er auf, und sein Vater führte ihn in die Geheimnisse der Natur ein. Schon während der Schulzeit steckte er Eicheln in den Boden und hegte und pflegte die Jungbäume, welche heute zu stattlichen Eichen in der Region herangewachsen sind. Robert kennt heute noch die genauen Standorte dieser Bäume, alle. Er würde sie Dir sofort zeigen können, jeden.

Im 10. Schuljahr kam in einem Deutsch-Lesebuch die Geschichte von Giono daher, Robert begann von Bäumen und vom Reisen zu träumen. Er entschied sich, wie sein Vater Gärtner zu werden. Vier Jahre später, zwei Monate vor Abschluss der Berufslehre kurz vor den Prüfungen schlug das Schicksal zu, gnadenlos. Nach einer schweren Rückenmark-Infektion war der junge Mann gelähmt. Rehabilitation in der Spezialklinik, Rollstuhl, monatelanges Training, Depressionen, Entscheidung, Akzeptanz und Auferstehung. Er entdeckte, dass ihm ja seine beiden Hände geblieben sind, mit denen wollte er etwas bewirken, etwas Positives tun, sein Leben neu gestalten. Und er machte sich auf den Weg.

Zuerst absolvierte er eine dreijährige kaufmännische Lehre, danach eine weitere Handwerker-Lehre als Sattler, beide mit Bestnoten erfolgreich abgeschlossen.

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Dann trafen wir uns.

Ich war gerade mit meinem Hund unterwegs, in der weiten Ebene des Flusstales hinter unserem Dorf im Thurgau, da kam er herangerast wie ein skurriler Ben Hur der Neuzeit. Er, vornübergebeugt in seinem Rollstuhl, vorne der riesige Schäferhund in ledernem Zaumzeug, ein imposantes und unvergessliches Bild. Wir wurden Freunde.

Er hatte soeben seinen Job als Sattler verloren, weil er laut darüber nachdachte, sich selbstständig zu machen! Damals in meiner kleinen Holzwerkstatt (Musikinstrumentenbau) startete Robert seine eigene Sattlerei. Und sie wurde zu seiner Erfolgsgeschichte. Was mich von Anfang an bis heute immer wieder beeindruckte, ist seine unglaubliche Willenskraft, welche ihn mit der Zeit auch an Stöcken fortbewegen liess.

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Die Geschäfte von Robert liefen ausgezeichnet,

es wurde Zeit die Träume zu erfüllen. Er begann mit seinem Rollstuhl die Welt zu entdecken und landete eines Tages in Südost-Asien, Singapur, Malaysia, Langkhawi….und dann Thailand. Über all die Jahre hatte er sich viel Wissen über den symbiotischen Zusammenhang von Wasser – Bäumen – Leben zusammen getragen und er betrachtete die Welt hauptsächlich aus dieser Sicht. Es war das was ihn interessierte und antrieb, die für ihn als behinderten Menschen doch eher beschwerlichen Expeditionen in die abgelegene Natur dieser Länder voranzutreiben. Und er wurde fündig.

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1945 betrug die Waldfläche Thailands 61%,

1986 waren es noch 28%, laut Weltbank 2013 immerhin wieder 32%. Obwohl 1899 alle Wälder Thailands zu ihrem Schutze zu Staatseigentum unter Protektion des Königs erklärt wurden, ist die Abholzung der Regenwälder eine weitere unrühmliche Geschichte von Gier und Korruption, aber auch von Bevölkerungswachstum, Agrarpolitik, Landbesitz-Politik und illegalem Holzschlag. Dereinst galten der Isaan und Nordthailand als die fruchtbarsten, wasserreichsten Gebiete – nach dem massiven Kahlschlag der 80er und 90er Jahre sieht das heute bekanntlich anders aus. Das alles wusste Robert als er vor über 22 Jahren das erste Mal in der Region Sukhothai/Tak (Nord-Thailand, nahe der West-Grenze zu Myanmar) eintraf.

Dort befreundete er sich mit einem Thai mit dem Namen Anurak, der ein abgelegenes Kinderheim führte, und sie beschlossen gemeinsam einen Regenwald anzupflanzen und aufzuforsten, die Früchte des Schäfers Elzéard Bouffier waren herangereift. Robert sah die Chance, den in weiter Ferne errungene Wohlstand hier in etwas Gutem anzulegen: Wald und Wasser für die Zukunft. Teilen!

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Auf einem Grundstück von 60 Rai,

das sind ca. 10 Hektaren, wurden etwa 20 Pionier-Bäume angepflanzt, 5000 an der Zahl, die weiteren Baumarten sollten mit der Zeit durch die Vögel und andere Tiere eingebracht werden. Und Robert’s Regenwald wuchs in rasantem Tempo, die Natur dankte es mit einer Fülle und Pracht wie es nur in den Tropen möglich ist. Aber Robert hatte die Rechnung ohne den Wirt, sprich Thai gemacht. Es wurde zu einem langwierigen Kampf gegen die Gier und Missgunst der Landbevölkerung in der Umgebung. Bäume wurden gestohlen, abgehackt, ganze Waldstücke immer wieder mutwillig abgebrannt, geplündert, zerstört – harte und sanfte Rückschläge, wie er es nennt. Aber er forstete – aus der Ferne immer wieder angereist – beharrlich wieder auf, lernte die thailändische Sprache in Wort und Schrift, erklärte, informierte, erzählte den Kindern in den Schulen von den Bäumen, versuchte die Bauern in der Nachbarschaft zu überzeugen, dass ein Wald der wichtigste Wasserspeicher überhaupt sei. Irgendwann musste ein hoher Schutzzaun und eine Brandschutz-Strasse um das Waldstück gebaut werden.

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Ich besuchte den Wald das erste Mal als er 18 Jahre alt war.

Ich war gerade mit meinem Sohn auf einer ausgedehnten Thailand-Reise unterwegs, Robert gab uns eine gute Ortsbeschreibung und wir flogen nach Sukhothai, von dort nach Thungsaliam zu Roberts Wald. Ein unvergessliches Erlebnis! Über 90 Baumsorten und viele Tier- und Vogelarten leben in „natürlich chaotischer Zweisamkeit“. Und Robert kennt sie alle, nennt ihren Namen auf Thai und Latein, weiss jedes kleinste Detail, unglaublich. Und diese prachtvollen Riesen-Schmetterlinge!

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In der Zwischenzeit hatte er sich in eine etwas jüngere Thai-Dame verliebt, geheiratet, sie mit in die Schweiz genommen. Der Entschluss, gemeinsam nach Thailand zu ziehen, den Lebensabend zu geniessen und dem Wald zu schauen, scheiterte. Sie reiste zurück in die Schweiz zu ihrem Liebhaber, Robert blieb und kämpfte weiter um seinen Wald, bis heute. Aus gesundheitlichen Gründen nun etwa die Hälfte des Jahres hier, die andere Hälfte in der alten Heimat. Kürzlich erst wurde sein „thailändisches Lebenswerk“ mit zwei Dokumentarfilmen eines thail. Fernsehsenders honoriert (in Thai gesprochen, eine übersetzte Version ist in Arbeit und wird auf der Webseite erscheinen- Webadresse am Schuss).

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In den letzten Jahren ist diese Welt heisser geworden.

Während die einen Gescheiten in der „ersten Welt“ noch über das Phänomen „Global Climate Change“ diskutieren und es für politische Zwecke missbrauchen oder gar als Verschwörungstheorie verleugnen, findet dieses hier in der „dritten Welt“ einfach statt, einfach so und eindeutig. Es waren die Tage des Songkran 2016 (Thailändisches Neujahr Mitte April), während in den Grossstädten mit Wasser um Sanook (Spass) gekämpft wurde, standen die Bauern hier zum ersten Mal „seit Menschengedenken“ – so die Alten – vor leeren Wasserlöchern. Unser Dorf hatte kein Wasser mehr! ..und so erging es 4000 anderen Dörfern im Lande. Robert’s Erklärung: ein tropisches Land mit nur noch 30% der ursprünglichen Bäume kann die immer stärker werdenden Wetter-Phänomene nicht mehr auffangen. Kein Wald = keine natürlichen Wasserspeicher = kein Wasser = kein Leben = eine einfache Kalkulation der höchsten Intelligenz dieses Planeten!

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4 Tage nach meinem 14. Geburtstag,

im Jahre 1968, sah ich zum ersten Mal ein Foto unseres Planeten, aufgenommen aus der Apollo 8 mit einer  Hasselblad, wie mein Vater als Fotograf auch eine hatte. Ich war absolut fasziniert, ein unvergessliches Foto, prägend für mein weiteres Leben. Im selben Jahr wurde der Club of Rome gegründet, welcher vier Jahre später eine umfangreiche Studie zu den „Grenzen des Wachstums“ veröffentlichte, neben dem Lederstrumpf das wohl dickste Buch das ich als Jugendlicher las.

Immer mehr Aufnahmen unseres Planeten in immer besserer Qualität tauchten auf, eine grün-blau-weisse Kugel, dahinschwebend in der unendlichen Stille des schwarzen Alls. Stundenlang konnte ich diese Bilder betrachten, für mich eine erste Definition des inneren Friedens. Etwas ist mir dabei aufgefallen: man konnte keine Lebewesen auf der Erde erkennen, keine Tiere, keine Pflanzen, keine Menschen, nichts ausser sich leicht verändernde, oszillierende Farbnuancen. Das grosse und unerklärbare Wunder! Die Schönheit in Perfektion!

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In meiner Fantasie sah sie schon vor Millionen von Jahren so aus

und wird auch in Zukunft, von aussen betrachtet, immer so aussehen, was auch immer diesen einmaligen Planeten auf der Oberfläche kratzt. Und es hat oft gekratzt: Vulkanausbrüche, Plattenzusammenstösse, Entstehungen und Untergänge von Lebensformen, Verwerfungen von Landmassen, Fluten, Hitzewellen und Eiszeiten. In der „Timeline“ der Erde oft nur Sekunden, so auch der Homo Sapiens – nur ein Sekundenfurz! Und was dieser Mensch in den letzten 150 Jahren – ein Bruchteil einer Sekunde seines Daseins – angerichtet hat und es noch in seiner Überheblichkeit als „die Kultur- und Industrialisierungs-Revolution zur Beherrschung des Planeten“ bezeichnet, ist schon erstaunlich.

Vor über 40 Jahren schlug ich mich voller Enthusiasmus auf die Seite der Retter des Planeten und erntete unzählige Kopfnüsse. Heute teile ich die Meinung des amerikanischen Satirikers George Carlin der sagt: „save the planet? what a bullshit! ….der rettet sich schon von selbst, wie gehabt. Wir sollten vielleicht eher darüber nachdenken, wie wir uns vor uns selber retten“. In diesem Sinne ist Robert’s Werk – sein Regenwald in Nordthailand – eine hoffnungsvolle Option, ein starkes Beispiel für eine nicht ganz unwichtige Sache in diesem Lande, und auf dem ganzen Planeten.  Drei Tage vor Songkran wurde übrigens sein Wald wieder grundlos angezündet, mit einer verheerenden Zerstörung bei dieser Hitze.

Die Webseite von Robert und seinen Waldprojekten in Thailand:

www.regenwald-thailand.ch

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